Freitag, 31. Juli 2020

Zeitgeist Intoleranz (Identitätspolitik)

Es erheben sich stets neue Gruppen, die sich über ihre Identitätsmerkmale definieren. Diesem kollektivistischen Ansatz fallen vermehrt die eigenen Verbündeten zum Opfer.

Identitätspolitik steht für eine Politik, manche sagen Religion, bei der Gruppen und deren Identitätsmerkmale wie Geschlecht, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung im Zentrum stehen – anstelle des Individuums mit seinen persönlichen Merkmalen wie Charakter oder Leistung. Identitätspolitik gibt es auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Weil aber auf der linken Seite seit je Toleranz gefordert wird, ist es umso bemerkenswerter, dass die Toleranten heute die Intoleranten sind – und nicht Inklusion betreiben, einen Gesellschaftsansatz, der alle einschliesst, sondern Exklusion und Spaltung. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun auch die Revoluzzer von einst Opfer der aktuellen identitätspolitischen Kulturrevolution werden – als eigentlich Verbündete. Mit den neuen, radikaleren Entwicklungen können sie nicht mithalten.

Zum Beispiel Alice Schwarzer. Sie war so lange eine Ikone der Frauenbewegung, bis sie eine falsche Toleranz gegenüber frauenfeindlichen Kulturen in bestimmten muslimischen Ländern kritisierte. Seither wird sie vor allem von der jüngeren, radikaleren Feministengeneration öffentlich als Rassistin und Antifeministin beschimpft und geächtet.

Oder J. K. Rowling. Die «Harry Potter»-Erfinderin ist Feministin durch und durch, seit vielen Jahren. Seit sie sich bei Trans-Themen einmischt und sich dafür ausspricht, dass das biologische Geschlecht eines Menschen Realität ist, wird sie von radikalen Trans- und Gender-Aktivistengruppen als grausam, gefährlich und transfeindlich diffamiert.

Oder Adidas. Der Sportartikelhersteller, der angeblich Frauenförderung hochhält und verschiedene Projekte betreibt, trennte sich jüngst von seiner Personalchefin, Karen Parkin, der einzigen Frau im Vorstand. Sie sei Rassismus nicht entschieden genug entgegengetreten. Parkins konkrete Fehler: zum einen ihre Aussage, dass sie nicht glaube, dass Adidas ein Rassismusproblem habe. Eine Gruppe von Mitarbeitern sah das anders, befand, dass sie Rassenprobleme nicht richtig anspreche. Der Druck auf das Unternehmen wuchs.

Zum anderen habe sie auf einer internen Veranstaltung vor einem Jahr Rassismus als «Geräusch» abgetan, über das nur in den USA gesprochen werde. Dafür hat sie sich zwar entschuldigt, das Wort sei schlecht gewählt gewesen. Für Adidas spielte das offenbar keine Rolle. Auch war es einerlei, dass Parkins Eindruck, das Label habe kein Rassismusproblem, ihre fachliche Einschätzung der Situation darstellte; als Personalchefin war sie ja direkt am Puls der Mitarbeiter – und könnte damit vielleicht sogar recht gehabt haben. Auch sagte sie nicht, dass Rassismus kein Problem sei, sie sieht es eben nicht so dramatisch wie diese Gruppe. All das ist weder Hass noch Hetze, sie ist weder Rassistin, noch besteht Verdacht auf Rassismus. Ihren Job ist sie trotzdem los.

Es ist richtig, wenn sich ein Multi-Konzern um Rassismusprobleme und Diversität (natürlich an Kompetenz gekoppelt!) im Unternehmen kümmert. Aber wie das nun vielfach umgesetzt wird, grenzt an Hysterie. Da trennt sich ein Unternehmen im Zuge einer «Kulturrevolution» von der einzigen Frau im Vorstand, der jetzt wieder rein männlich ist. Aus Angst vor dem Vorwurf, nicht genug gegen Rassismus zu tun. Ja, und der «wichtige Kampf für die Frau»? Gerade nicht opportun.

Warum breitet sich Identitätspolitik immer mehr aus, wird radikaler? Unter dem Titel «Wie Amerikas Identitätspolitik von Inklusion zu Division wurde» veröffentlichte der Guardian 2018 dazu einen interessanten Ausschnitt des Buches «Political Tribes» von Amy Chua.

Chuas Meinung nach hat in den letzten Jahren gerade die Linke, die sonst stets für Inklusion eintrat, aus Frust über den mangelnden Fortschritt ihre Rhetorik und Logik verlagert – weg von Inklusion und hin zu Exklusion und Spaltung. Für viele Linke sei heute jeder, der sich zugunsten von Gruppenblindheit ausspreche – also keine Unterschiede macht zwischen Hautfarbe, Rasse et cetera – auf der anderen Seite gleichgültig gegenüber Unterdrückung oder sogar deren schuldig. «Weil die Linke immer versucht, noch linker zu sein als der letzte Linke, kann das Resultat nur ein Null-Summen-Konkurrenzkampf sein darüber, welche Gruppe am wenigsten privilegiert ist, eine ‹Unterdrückungsolympiade›, die die Progressiven oft zersplittert und sie gegeneinanderstellt», schreibt Chua. «Obwohl Inklusivität wahrscheinlich immer noch das ultimative Ziel ist, ist die zeitgenössische Linke ganz gezielt ausschliessend.»

Einst beschränkte sich Aktivistenprotest vor allem auf Uni-Campusse, heute ist er inmitten der Gesellschaft angekommen: Die Studenten von früher mit ihren safe spaces und Mikroaggressionen, die snowflakes, die vor jedem negativen Gefühl beschützt werden wollen, arbeiten heute in bedeutenden Unternehmen, in Medien, können Druck ausüben oder entscheiden, wer wegen eines falschen Wortes oder einer falschen Meinung gefeuert wird. In den USA, aber auch bei uns.

Amy Chua meint zwar in ihrem Buch, dass das Pendel in den USA bald in die andere Richtung schwinge. Dieser Hoffnung mag ich mich angesichts der Entwicklungen – von Schreib- und Denkdiktatur über Empörungskultur bis zur Zerstörung von Denkmälern – nicht anschliessen. In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird Identitätspolitik wohl oder übel eine dominante gesellschaftliche Rolle spielen.

Weltwoche, Juli 2020