Sonntag, 30. August 2020

Unwichtigtuer - Daran erkennen Sie, wie unwichtig Sie sind


Mit der warmen Jahreszeit flattern die Event-Einladungen ins Haus. Und obwohl man sich die Gäste dort nicht ausgesucht hat, wird von einem erwartet, dass man rege an Gesprächen teilnimmt. Ob man ein beliebter, weil wichtiger Gesprächspartner ist oder man im gesellschaftlichen Umgang floppt, lässt sich sehr einfach anhand bestimmter Anzeichen feststellen. Es ist eben, wie's ist: Popularität ereignet sich nicht einfach, sie erfordert Gesprächsfertigkeiten und jede Menge Schleimerei.

Ein wichtiges Indiz dafür, dass einem die Gäste keine Bedeutung zugestehen und man in ihren Augen nur als Staffage dient, ist der Blickkontakt. Sehen einem die Gesprächspartner während des Smalltalks fortwährend über die linke und rechte Schulter, um die Umgebung nach wichtigeren Menschen abzuscannen, steht man auf der VIP-Liste weit unten. Neulich ist mir das auf einem Züricher Fest passiert, und glauben Sie mir, da schmilzt ein Stolz dahin wie das Eis im Gin Tonic.

Ein weiterer Anhaltspunkt für gesellschaftliche Irrelevanz ist der Ladenhüter-Effekt: Das Smalltalk-Grüppchen scheint sich – trotz dreimaligem Standortwechsel – immer dann zu lichten, wo man gerade steht, bis man jedes Mal wie schlechte Ware als Letzter übrig bleibt. Oder der "Drink-Rückzug": Er beschreibt die Situation, wenn Gesprächspartner immerzu das Ende seines Satzes abwarten, um dann hastig zu informieren: "Also, ich geh dann mal mein Glas auffüllen" – obwohl ihr Weinglas dreiviertel voll ist.

Natürlich würde das niemand zugeben, aber auf jedem Event stellt man sich grundsätzlich die Frage: "Wer bringt mir hier etwas?" Network-technisches Bauchpinseln und Auswechseln seiner Gesprächspartner in Anbetracht ihres VIP-Status ist nicht nur eine Kunst, sondern auch eine Motivation, weil sie im Ringen um Popularität Erfolg verspricht, sonst könnte man ja gleich zu Hause bleiben. All das ist jedoch kein Trost für die weniger Wichtigen unter uns. Und auch wenn man sich bei einigen rächen könnte, indem man etwa Steven mit dem Scanner-Blick beharrlich Stefan nennt, ändert es letztlich nichts. (Aber mal ehrlich, für Eltern, die Dieter und Doris heissen, gibt's ja auch gar keinen Grund, den Sohn Steven zu nennen.)
Was läuft also schief? Laut fachmännischer Beurteilung hat man es möglicherweise mit den Emotionen übertrieben. Das erkennt man daran, dass seine Gesprächspartner hingebungsvoll den Inhalt ihres Weinglases studieren, während man als einzige innig lacht – über den eigenen Witz, nachdem man extra noch die Erklärung hinterhergereicht hat.

Oder man nimmt an, seine Geschichte sei spannender als alle anderen. Dann ist einem wahrscheinlich die "Zwei-Ohren-ein-Mund-Methode" nicht bekannt, zu der einem geraten wird: auf Events doppelt so viel zuzuhören als zu sprechen. Um möglichst viele Informationen über sich selbst an sein Smalltalk-Grüppchen weiterzugeben, hat man also seine Familiengeschichte von 1972 bis 2020 aufgerollt. Auf solch grosszügigen Umgang mit Worten reagieren Partygäste aber so säuerlich wie auf abgestandenen Wein. Apropos Wein: Die meisten Leute haben ja keine Ahnung, wie heimtückisch das Getränk sein kann, aber von Atem zu Nase ist es nur ein winziger Schritt und je nach Hauch fühlt es sich an wie ein Logenplatz am Güllefass.

Vielleicht ist ja auch der Gesprächspartner beleidigt, weil ihm unser peinliches Namen-Blackout nicht entgangen ist. Hirnforscher behaupten zwar, dass wir uns viel besser an Namen als an Gesichter erinnern können, jede einzelne Feier beweist aber das exakte Gegenteil. Für den Fall, wenn das Gesicht bekannt ist, der Verstand jedoch die Verbindung zu einem Namen verweigert, gibt's aber einen einfach Trick: "Hallo, Tamara, wie geht es dir?" - "Und Dir, mein Lieber, Corona gut überstanden?" Das "Mein Lieber" scheint auf den ersten Blick unanständig intim. Aber auf Sommerpartys, wo der Alkohol fliesst, ist es vertretbar, vor allem aber bringt es die Gegenseite in Bedrängnis, die sich nun ihrerseits nicht mehr an den Grund des herzlichen Kontakts erinnern kann.

Was ist zu tun? Den gröbsten Erniedrigungen kann man aus dem Weg gehen, indem man sich als Gesprächspartner interessanter erscheinen lässt. Zum Beispiel kann man sich im Vorfeld des Events drei willkürliche Zitate wichtiger Zeitgenossen (tot oder lebendig) einprägen, um dann im entscheidenden Moment mit dem beiläufigen Fallenlassen des Bonmots seinen Intellekt vorzuführen. (Ich nahm dafür einst Nietzsche in Anspruch; zum Problem wurde allerdings, dass das Gegenüber die Materie dann mit Hingabe vertiefte.) Nun kann man einwenden, es sei verlogen, Geistreichtum vorzutäuschen, wo keiner ist. Ja, aber wir alle haben wenig Bedarf an vielschichtigem Desinteresse, und gelegentliches Vorgaukeln erweist sich für eine Eitelkeit effektiver, als jedem Raum-Scanner zu erklären, was für ein ekelhafter Schleimer er ist.
Zu guter Letzt: Es lohnt sich, nicht jede Demütigung persönlich zu nehmen. Mir wurde einmal auf einer Dinner-Party ein Platz an der Seite eines sehr wichtigen Herrn zugeteilt. Während des Fünf-Gang-Menüs gab ich mir alle erdenkliche Mühe, ihn in ein kluges Gespräch zu verwickeln, er wurde jedoch zusehends schläfriger. Erst später realisierte ich zu meiner grossen Erleichterung, dass er völlig bekifft war.


veröffentlicht Weltwoche, August 2020